In welchem Land lebt unser Bundespräsident?
Er “möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo sich jemand von Freunden kein Geld mehr leien kann”
Da möchte man dem Mann doch zustimmen. Das ist doch offen- und warmherzig. Ja, Herr Bundespräsident – auch ich möchte in einem Land leben, in dem man sich von seinen Freunden Geld leien kann.
Doch, in was für einem Land lebe ich? Oder anders gefragt: In was für einem Land leben Sie, Herr Bundespräsident?
Ganz offensichtlich sind Sie Präsident in einem Lande geworden, von dem Sie selbst nicht glauben – ja niemals geglaubt haben! – , dass man sich in ihm Geld von Freunden leien darf.
Anders ist nicht zu verstehen, warum Sie sich das Geld nicht von Ihrem langjährigen, vermögenden und bereits im Ruhestand befindlichen Unternehmer-Freund Geerkens geliehen haben. Hätte das nicht möglich sein müssen, in dem Land, in dem Sie leben wollen?
Sie haben sich, anstelle der freien Entscheidung zu einem durchsichtigen und in der Tat möglicherweise gar nicht zu beanstandenden Freundeskredit zu einem undurchsichtigen von Winkelzügen begleiteten Geldgeschäft entschieden.
Offensichtlich waren weder die Kreditgeber noch Sie, Herr Bundespräsident, der Zuversicht in einem Land zu leben, in dem so eine Selbstverständlichkeit möglich ist. Denn: Wer in diesem Lande sollte etwas gegen einen privatgeschäftlichen Vorgang haben, wenn aus diesem zweifelsfrei hervorginge, dass damit keine Vorteilsnahme im Amt oder eine geschäftliche Vorteilsgewährung verbunden sind?
Sie dagegen haben alles unternommen, den Vorgang zu verschleiern. Von der Wahl der Kreditgeberin bis zur Anonymisierung des Schecks, alles zielte von Anfang an darauf, Sachverhalte undurchsichtig zu machen. Und das in einem Land, in dem Sie nicht nur leben möchten, sondern, dessen Staatsoberhaupt Sie offensichtlich noch immer sein wollen.
Alle Ihre Handlungen – Herr Bundespräsident – offenbaren, dass Sie ganz offensichtlich in einem Land leben, in dem Sie gar nicht leben wollen.
Dieses Schicksal teile ich übrigens mit Ihnen. Auch ich lebe in einem Land, in dem ich nicht leben möchte. In einem Land der Heuchler, der Lügner, der Sippschaften und der Dummdreistigkeit. Oder halten Sie es nicht auch für dummdreist, Offenheit zu heucheln und die Veröffentlichung Ihrer Drohung gegen eine Medienredaktion zu unterbinden.
Die Mehrheit unseres Volkes – Ibsen nannte das die kompakte Majorität – steht – glaubt man heutigen Umfragen – zu ihrem Bundespräsidenten. Wie kann das anders sein, in einem Land, in dem Heuchelei, Lüge, Sippschaft und Dummdreistigkeit nicht nur an der Tagesordnung, sondern so augenscheinlich auch erfolgversprechend sind.
Ich fürchte – Herr Wulff -, dass wir mit Ihnen an der Spitze niemals in das Land kommen in dem Sie und ich leben möchten.

Hartmut Runge Jahrgang 1953 Maschinenbauer Fotofachverkäufer Hilfsarbeiter Hausmeister Regieassistent Theaterdramaturg Buchautor Kritiker Geschäftsführer