hr – blog: Meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Gott und der Welt

Freiheit und Herzensbildung

Natürlich fällt mir als in der DDR Sozialisiertem bei dem Wort ‚’Freiheit‘ gleich die gute alte Rosa Luxemburg ein: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden».

Aber, ich gestehe, mir fällt dank der gar nicht so schlechten DDR-Hochschulausbildung auch Hegel ein, der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeiten definierte.

Und ich gehöre darüber hinaus auch zu jener merkwürdigen Generation, die auch dem Vorschlag Janis Joplins viel abgewinnen konnte: «freedom’s just another word for nothin’ left to lose». Leger übersetzt: Freiheit ist, wenn du nichts mehr zu verlieren hast!  

Allesamt doch sehr schöne Definitionen – trotz ihrer sehr unterschiedlichen Intentionen. Eines haben sie gemeinsam: Sie öffnen einem das Herz, schaffen Weite und adeln die Absender, weil diese das Edelste des Adressaten im Auge hatten. Echte Freiheitsbegriffe also. Es lohnte sich einmal über Freiheit nachzudenken – besonders als DDR-Bürger. Das Wort hatte einen Glanz.  

Lang, lang ist’s her.  

Heute wollen mir Leute vom Schlage eines Dirk Niebel oder George Walker Bush erklären, was Freiheit ist.  

Bitte hier nichts falsch zu verstehen; hier wird weder Herr Niebel aufgewertet, noch der derzeitige amerikanische Präsident abgewertet! Es ist einfach das intellektuelle Niveau, es ist ihre militärische Sozialisation in Jugendjahren, es ist die simple Denkstruktur, die beide verbindet. Der Unterschied zwischen ihnen besteht nur darin, dass der ehemalige Zeitsoldat und heutige Hauptmann der Reserve Niebel nicht über die väterlichen Mittel verfügt, seiner politischen Karriere ein wenig auf die Sprünge zu helfen.

Niebel und Bush werden hierzulande von feuilletonistischen Bordsteinschwalben wie Henryk M. Broder oder den Herren Maxeiner/Miersch sekundiert. Glänzende Schreiber – manchmal. Dennoch fällt es mir schwer zu erklären, warum ich bei Lesen ihrer Texte, immer das gleiche ganz unwillkürlich assoziiere: «Flachwichser»

Das sind zu früh gealterte Jungens, die ausgerechnet in ihrer Midlifecrisis bemerkten, dass ihr einstiger Wertekanon inzwischen den Mainstream erreicht hat. Und vor nichts haben solche Leute mehr Angst, als davor, dass jedermann weiß, was sie zu wissen glauben. Die halten sich nämlich tatsächlich für was Besonderes.  

Und das ist vielleicht ihr Irrtum: Wichsen ist absolut nichts Besonderes. Das kann jeder.  

Aber das ist beileibe nicht ihr einziger Irrtum. 

Solcherart ‚’Koryphäen‘ erklären die Brüche in ihren Biografien auch gern mal mit Berufung auf George Bernhard Shaw, der sagte: «Wer mit zwanzig kein Revolutionär war, hat kein Herz. Wer es mit dreißig noch ist, hat keinen Verstand».  

Nennt man das die Reife des Alters? Darf man sowas wirklich Weisheit nennen? Ich bin da nicht so sicher! 

Mal ganz davon abgesehen, dass G.B. Shaw im reifen Alter von 80 Jahren ein großer Verehrer Adolf Hitlers war, so übersehen unsere zitatfreudigen Zeilenhengste doch auch gern, dass die Herzensbildung derjenigen, denen sie heute das Wort reden, nie von irgendwelchen revolutionären Etüden oder gar kommunistischen Umwälzungsgedanken geprägt worden ist. Auch nicht in ihrer Jugend! 

Überhaupt ist es um die Herzensbildung derjenigen, die heute die Geschicke unserer Welt bestimmen nicht sonderlich gut bestellt. Zumindest, wenn sie aus dem neoliberalen Lager stammen. Der Gerechtigkeitssinn, oder die Fähigkeit zu Empathie werden aber in den Kinder- und Jugendjahren ausgebildet. Und eine unumstößliche Tatsache ist: Was Hans nicht lernt, … lernt Josef Ackermann nimmermehr.  

Als einstiger Theatermann hätte ich den ansonsten von mir hoch verehrten George Bernhard Shaw gern zu Lebzeiten an eine ganz andere und sehr alte Lebensweisheit erinnert. Nämlich daran, dass man einem Alten kein größeres Lob geben kann, als dies: 

«Er ist im Herzen jung geblieben!»

Bush und Niebel waren es nie.
Broder und seine Achsenfreunde sind es nicht mehr.

XX – VII – MMVIII

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