hr – blog: Meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Gott und der Welt

Beschneidung der Vorhaut – Beschneidung im Kopf

In der Debatte um die Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass die Voraussetzung der Befürwortung körperlicher Beschneidung mit einer Art geistiger Beschneidung einhergeht.

Vermutlich wäre es nie zu dieser Debatte gekommen, wäre das Ritual der Beschneidung ausschließlich auf den Kreis muslimischer Jungen beschränkt.

Diese Mutmaßung ist nicht ohne Gewicht. Denn, wie man angesichts der Diskussion um die Mohammed-Karikaturen sehen konnte, spielen Rücksichten auf religiöse Gefühle in der deutschen Öffentlichkeit insbesondere, wenn sie nichtbiblische Religionen betreffen, nicht wirklich eine Rolle – auf jeden Fall jedoch werden sie schnell überwunden.
Der im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen und der darum geführten Debatte recht zügig hergestellte Konsens fand seinen Ausdruck unter anderem darin, dass sich Berufs-Demagogen von Henryk M. Broder bis Joachim Gauck unter Lobeshymnen auf die Freiheit, mit dem Zeichner Kurt Westergaard solidarisierten. Jener wurde mit dem M100 Medienpreis geehrt, einer Auszeichnung die seit 2005 von einem Verein vergeben wird, dem die Chefredakteure der führenden europäischen Zeitungen und Magazine angehören. Und Broder und Gauck verhöhnten damals öffentlich jene, die sich zuvor diplomatisch für mehr Zurückhaltung ausgesprochen hatten. Unsere Kanzlerin stellte übrigens anlässlich der Verleihung fest: „Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass die Scharia über dem Grundgesetz steht (…) Kein kultureller Unterschied kann die Missachtung der Grundrechte rechtfertigen.

Um nicht falsch verstanden zu werden, die Kanzlerin, Herr Gauck und auch Herr Broder haben hier ausnahmsweise mal meine vollste Zustimmung.

Nun geht es aber nicht nur um muslimische, sondern auch um jüdische Beschneidungen. Insofern also nicht nur um ein muslimisches, sondern auch um ein jüdisches Religionsproblem. Da ist – obwohl vor unseren Gesetzen eigentlich alle gleich sein sollten – dann offensichtlich wohl doch ein großer Unterschied. Themen, die problematische Bereiche jüdischen Lebens in irgendeiner Weise berühren, führen in Politik und Öffentlichkeit in Deutschland offensichtlich stets zu bedingten Reflexen. Die bildliche Entsprechung dieser Reflexe findet sich in den berüchtigten drei Affen – nichts sehen, nichts hören und nichts sagen.

Letzteres lässt – nimmt man die Erkenntnisse moderner Psychologie ernst – auf eine im Wesentlichen unverarbeitete Vergangenheit schließen. Und tatsächlich hat sich die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches nie sehr große Mühe mit der Aufarbeitung ihrer diesbezüglichen Geschichte gegeben. Kriegsverbrecher vom Schlage eines Friedrich Flick genießen noch heute den Nimbus großer Wohltäter in ihrer Heimatregion. Und Leute vom Schlage eines Wolf von Amerongen, denen es aufgrund ihrer nationalen und internationalen Verbindungen gelang, ihre Verantwortung klein zu reden, wurden gar mit allerhöchsten Ehren überhäuft. Doch das nur am Rande.

Fakt ist, dass unseren jüdischen Mitbürgern aus Gründen einer unbewältigten Vergangenheit eine Sonderrolle eingeräumt wird, was – und das vergisst politischer Pragmatismus gern einmal – tatsächlich und nachhaltig zu einer Ausgrenzung führt. Mit welch ungeheueren geistigen Verbiegungen Rechtfertigungsversuche jüdischer Beschneidungen einhergehen, konnte man am Grünenpolitiker Volker Beck studieren. Einer, der nach den Grundsätzen der Bibel wegen seiner sexuellen Präferenzen mit dem Tode bestraft würde, stellt sich in aller Öffentlichkeit hin und rechtfertigt mit Berufung auf die gleichen Quellen die Verletzung der körperlichen Integrität Schutzbefohlener.

Der Zusammenhang von körperlicher und geistiger Beschneidung und die daraus erwachsende tiefgreifende gesellschaftliche Deformation wird jedoch auf einer ganz anderen Ebene sichtbar. Erwartbar und insofern nicht von ungefähr melden sich nun religiöse Fundamentalisten zu Wort. Im Windschatten des Bundestagsbeschlusses zu einer aus religiösen Gründen motivierten Grundgesetzänderung wittern die Eiferer Morgenluft. Sie wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen. Eine Debatte um – man lasse es sich auf der Zunge zergehen – Blasphemie wird jetzt in unseren Gazetten geführt.

Mal ganz davon abgesehn, dass die schauerliche These von Martin Mosebach – Kunst entstünde am ehesten im Rahmen von Verbotsbeschränkungen – durch Verweise auf einen gewissen Herrn von Goethe glänzend zu widerlegen wäre, sollte man sich schon einmal fragen, wohin wir geraten, wenn wir die Grundlagen des sekularen Staates opfern und religiösen Restaurationsbestrebungen ohne Not das Feld überlassen.

Vielleicht wäre es hilfreich sich einfach mal eines klar zu machen:
Wer die religiös motivierte Zerstörungen von ein paar Statuen für Barbarei hält, hat der Schere im Kopf ein hohes Maß intellektueller Beschneidung erlaubt, wenn er der religiösen Beschneidung von Säuglingen eine zivilisatorische Berechtigung einräumt.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed.