hr – blog: Meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Gott und der Welt

Der Wille zum Sieg?

Ich erinnere mich an einen Roman von Stanislaw Lem. Gast im Weltraum war in früher Jugend eines meiner Lieblingsbücher. Besonders beeindruckt hatte mich eine Stelle am Anfang des Romans, als der Protagonist irgendwie – ich glaube es war sein Universalkommunikator am Arm – und nebenbei erfuhr, dass gerade die Olympiade stattfinde. Da der Mann wohl gerade nichts besseres zu tun hatte und sich auch sonst nicht schlecht fühlte, ging er hin, nahm teil und …

Ich weiß nicht mehr, ob er auf dem Treppchen landete. Aber ich weiß noch ganz genau, dass ich mir die Entwicklung des olympischen Gedankens nicht anders, als in einer Zukunft vorstellen konnte, in der sportliche Leistungen zu einer der schönsten Nebensachen der Welt werden. Der homo ludens geht hin zu den „Spielen“, vergleicht sich mit anderen und freut sich, dabei gewesen zu sein.

Es sind siebenundfünfzig Jahre Entwicklung seit dem Erscheinen von Lems Roman vergangen. Der Universalkommunikator als Armbanduhr ist Wirklichkeit geworden. Die Olympischen Spiele jedoch werfen uns zweitausend Jahre zurück. Sie sind verkommen und herab gesunken zu Gladiatorenspielen bei denen mit Eiweißen vollgepumpte Mastschweine sinnlos körperschädigende Gewichte heben und androgyne Weiber schleudern den Hammer.
Der geistig und körperlich verfettete Pöbel sitzt auf den Rängen und vor der Glotze und klatscht frenetisch Beifall.

Es war nur eine Meldung nebenbei, dass die Sieger irgendeines Laufes von einer Sportfirma über Jahre systematisch getrimmt und zuletzt sogar fern von den anderen Sportlern in Unterdruckkammern nächtigen mussten, um ihren Sponsoren die erwartete Rendite einzufahren. Und: By the way – Die Forschung für genmanipulierte Leistungssteigerungen gestaltet sich gerade zu einer zukunftsträchtigen Branche.

Ein drittel der deutschen Olympiateilnehmer sind Sportsoldaten. Und der oberste Kriegsherr dieser Söldner (wir haben eine Berufsarmee) bemängelt den mangelnden Siegeswillen seiner Soldaten. Das ist römische Dekadenz in Reinkultur.

Und dann gibt es da einen Innenminister in Deutschland, der allen Ernstes glaubt, er sei der demokratischen Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldig, für welche Siege er deren Steuergelder verwendet. Am Rande greint die journalistische Schikeria, dass die olympischen Mastschweine andernorts mit Millionen belohnt werden.

Was ist der Wille zum Sieg in einer Gesellschaft, die das „Flink wie die Windhunde…“ für bedeutsamer hält, als ihr kaum mittelmäßiges Abschneiden im Pisa-Vergleich? Was ist der Wille zum Sieg in einer Gesellschaft, die mehr materielle Anreize für ihre olympischen Zuchtochsen fordert, die aber bei der Herstellung gleicher Förderungs- und Entwicklungsbedingungen von Kindern aus unterprivilegierten Schichten völlig versagt?

Ein Sieg ist es, wenn ein Feuerwehrmann ein Katze aus einem brennenden Haus rettet. Ein Sieg ist es, wenn Ärzte in Notstandsgebieten trotz widrigster Umstände das Leben eines Kindes erhalten können.

Wie erbärmlich dagegen die Siege des Usain Bolt. Mein Hauskater rennt schneller – ohne jeden Willen zum Sieg – nur so aus Spaß.

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