hr – blog: Meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Gott und der Welt

Malerweg – Etappe 5 (31.08.2013)

Auf dem Weg zum Schrammstein traf ich auf einen blinden Wanderer. Er wurde von einer Frau geführt, die mir schon von Weitem zurief: „Ich weiß, es ist verrückt“. Ist es das?
Ganz davon abgesehen, dass das meiste, was man bei langen Wanderungen sieht, nichts anderes ist, als die eineinhalb Meter Weg vor einem, so ist es vielleicht auch viel mehr als das Sehen, was eine Wanderung ausmacht.

Ich konnte den Streckenverlust von gestern wieder aufholen. Die Neumannsmühle, eigentliches Ziel des gestrigen Tages war so nur Zwischenstation für die obligatorisch an fast jedem Gasthaus fällige „große Apfelschorle“. Ein Getränk, das übrigens in Qualität, Beschaffenheit, Menge und Preis enorme Unterschiede aufweisen kann. Vom goldglänzenden Bonbonwasser bis zum naturtrüben Geschmackswunder ist da alles vorhanden. Wer die gehobenen Preise mit den erreichten Höhenmetern korreliert, wird spätestens im nächsten Tal eines Besseren belehrt. Auch für die Bezeichnung „groß“ scheint es im deutschen Gaststättengewerbe recht unterschiedliche Interpretationen zu geben. Doch der Wanderer mäkelt nicht – er hat Durst. Und ist der Durst groß genug, und die großen Gläser klein genug, dann trinkt man eben zwei Gläser und zahlt dafür den Preis für ein ganzes Mittagessen.

Der Aufstieg auf den Großen Winterberg – die höchste Erhebung des Malerweges – ging dann doch besser als erwartet. Das Gasthaus auf dem Berg wartete wegen einer geschlossenen Veranstaltung mit einer geschlossenen Küche auf und so durfte man sich noch einmal richtig wie in der alten DDR fühlen. Mich störte es nicht, da ich mich bei meiner längeren Wanderung eher auf ein gutes Frühstück konzentrierte und sonst mit Apfelschorle oder Malzbier auskam, doch Leute, die sich den Großen Winterberg zu einem Tagesziel erkoren haben, um dann am späten Sonntag nachmittag eine geschlossene Küche vorzufinden, werden – wenn sie die DDR kannten – ähnlich wie ich gedacht haben.

Abends gegen 19.00 Uhr endete diese Etappe in Schmilka. Natürlich konnte ich darauf gefasst sein, dass ich an einem Samstagabend in einem kleinen Urlaubsort schwerlich ein Zimmer finden würde, doch dass es so gut wie aussichtslos war, hätte ich nicht gedacht.
Die Geldbörse fest in der Hand, entschloss ich mich für das teuerste Hotel der Stadt. Die freundliche junge Dame am Empfang schüttelte aber auch da nur den Kopf. Ich weiß zwar nicht, welchen bedauernswerten Eindruck ich auf sie machte, denn ihrem Mund entrang sich ein „aber“. Ich hakte sofort ein und aus dem „aber“ wurde eine der komfortabelsten und zugleich preiswertesten Übernachtungen meiner Tour.

In der Lobby des Hotels erfuhr ich wieder einmal, welche Capriolen der Zufall im Leben spielen kann. Ich musste etwas warten, bis mein Logis eingerichtet war und als ich so wartend schon beinahe eingeschlafen war, stand plötzlich mein Bruder vor mir. Er war mit seiner neuen Freundin von Königstein herunter gekommen und hatte sich die Terrasse des Hotels für einen schönen Abendausklang gewählt. Irre.  

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