Kommentar zur Annonce
«Auch wir sind das Volk»
Ist es nicht herrlich, wie sich diese Kultur- und Polit-Machos alla Westernhagen, Grass und Luepertz hinter Ihresgleichen stellen. Diese Leistungsträger dieser Leistungsgesellschaft, die nur allzu schnell und gern vergessen machen wollen, wieviel Zufall, Ellenbogen und in alten Gesetzen festgeschriebene Ungerechtigkeit sie zu dem machten, was sie heute sind: Die High-Society einer Zweidrittelgesellschaft, deren Reichtum auf den Verbrechen ihrer Vorfahren gründet.
Mit kämpferischer Gebärde grüßen diese Künstler und Intellektuellen aus jenen goldenen Sesseln, die auf den drei Grundpfeilern ihrer Ordnung in Sicherheit ruhn: Das sind die Unwissenheit des untersten Drittels, die auf der Durchschnittlichkeit und dem Opportunismus des zweiten Drittels zementierte Demokratie und die untereinander uneingeschränkte Solidarität des Gewinnerdrittels der Gesellschaft.
Oh ja, sie alle wissen, was Mut ist und sie wissen auch, was Solidarität ist. Und deshalb danken sie IHREM Kanzler und begrüßen seinen ungeheuren Mut, von denen zu nehmen, die sich nicht wehren können.
Natürlich danken sie ihm auch dafür, dass er ihre Spitzensteuersätze nicht nur nicht erhöhte, sondern sie per 2005 noch zu senken gewillt ist und dass er ideologisch jedes Aufkommen einer so genannten „Neiddebatte“ unterdrückt. Neid nennt man heute die Forderung nach mehr Gerechtigkeit.
Ja, wir haben in der Vergangenheit über unsere Verhältnisse gelebt, das geben sie alle mutig zu.
Freilich meinen jene Künstler, Intellektuellen und Manager damit nicht ihre sich ständig steigernden und nur durch ihre Unverschämtheit gerechtfertigten Gagen-, Diäten und Gehaltsforderungen und sie meinen auch nicht die Jahrzehnte währenden Fehlleistungen jenes überbezahlten Managements, das für die jetzigen Missstände verantwortlich ist und dessen Apologeten sie immer waren. Nein, sie meinen diejenigen, denen sie in der Vergangenheit zur Ruhigstellung Brosamen reichten und denen sie so suggerierten: Wir haben alles im Griff.
Dabei haben und hatten sie es nie im Griff. Und deshalb reicht es jetzt für die Brosamen nicht mehr. Ihre hemdsärmelige und vollmundige Geste soll wieder einmal Mut suggerieren. Hartz IV ist nicht mehr als das Blümsche mutige Verprechen, dass die Renten sicher seien. In Wirklichkeit soll Hartz IV die vorhandene Phantasie-, Sprach- und Hilflosigkeit und vor allem den fehlenden Willen zu gerechteren Reformen vor der Öffentlichkeit verbergen.
Von Managern kann man kaum anderes erwarten, als Apologetik gegenüber einer Politik, die ihre Verantwortung nur allzu gern an das so genannte freie Spiel der Kräfte abgibt. Die Kapitulation der Sozialen Marktwirtschaft fällt weder auf deren Erfinder und Befürworter noch auf ihre Insolvenzverwalter zurück. Sie alle haben ihre Pfründe durch ihresgleichen absichern lassen und bedienen sich ohne jede Hemmung an der Konkursmasse.
Dass sich ihnen nun aber mit den Künstlern auch jene zugesellen, die in ihren Büchern die Sinnhaftigkeit des Lebens propagieren, die in ihren Liedern von Gerechtigkeit singen und die auf ihren Bühnen gegen die Dummheit einer Konsumwelt polemisieren, macht die Verlogenheit und Scheinheiligkeit dieser Leute auf ganz besondere Weise sichtbar.
Grass und Co. sind nicht dumm genug, nicht zu wissen, dass jenseits der 4 Millionen Arbeitslosen eine gewaltige Destabilisierung der Gesellschaft droht. Und da diese auch ihre Position infrage stellt, beeilen sie sich den unteren Millionen zu versichern, dass Arbeit auch Sinn macht, wenn sie keinen Sinn macht. Und außer ihnen ist freilich allen anderen alles zumutbar. Dem arbeitslosen Vegetarier der Hilfsjob im Schlachthof genauso, wie dem joblosen Feinschmecker der Minijob bei McDonalds oder dem linken Druckerlehrling der noch freie Job in der rechtsradikalen Druckerei. Auf in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Ja, dieses Volk gehört zusammen: der Dichter und der Trivialrocker, der Theatermann und der Waffenlobbyist, der Maler und der Industriemanager – hier fehlte nur Herr Ackermann – auch der gehört zu diesem Volk.
IV – X – MMIV
Hartmut Runge Jahrgang 1953 Maschinenbauer Fotofachverkäufer Hilfsarbeiter Hausmeister Regieassistent Theaterdramaturg Buchautor Kritiker Geschäftsführer