Offener Brief an Dessaus Oberbürgermeister
Klemens Koschig
(Dessaus Oberbürgermeister trägt Bohlen-Groupie Annemarie ins Goldene Buch der Stadt ein)
Herrn Oberbürgermeister
Klemens Koschig
Offener Brief
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
obwohl schon seit fast dreißig Jahren Dessauer Bürger, hatte ich erst kürzlich das etwas zweifelhafte Vergnügen, den Dessauer Ratssaal kennen zu lernen. Die Schmucklosigkeit und die in seiner Patina manifestierte Unambitioniertheit des Raumes überraschten mich nach drei Jahrzehnten Dessauer Kulturerfahrung eigentlich nicht. Auch, dass die Kugelstoßweltmeisterin Astrid Kumbernuss ins Goldene Buch der Stadt eingetragen wurde, war für mich weniger Überraschung als für Frau Kumbernuss. Immerhin ist Frau Kumbernuss Weltmeisterin und Dessau nennt sich „Sportstadt“. Der Unterschied zwischen Frau Kumbernuss und der Stadt ist: Die Kugelstoßerin hat sich ihren Titel erarbeitet.
Auf das hierorts mangelnde Verständnis von Kultur, das vor allem darin zum Ausdruck kommt, dass sich eine Stadt trotz ihres kulturellen Erbes (Dessau Wörlitzer Gartenreich, Moses Mendelssohn, Bauhaus Dessau, Kurt Weill und nicht zuletzt eines der größten Theater Deutschlands) zur „Sportstadt“ ausruft, will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Nur soviel: Als Autor der Dessauer Theatergeschichte meine ich die Geschichte der Stadt soweit zu kennen, dass ihre sportlichen Traditionen hinsichtlich der überregionalen Bedeutung auf nichts verweisen können, das den genannten kulturellen Leuchttürmen vergleichbar wäre. Es ist eine Frage des Wertebewusstseins hier die richtigen Prioritäten zu setzen.
Immerhin hat die Stadt Dessau es geschafft, dass die ehemaligen Leuchttürme seit Jahrzehnten hinsichtlich ihrer überregionalen Bedeutsamkeit im Dämmerlicht verharren.
Jahrelang habe ich diese Tatsache für das nachvollziehbare Ergebnis einer Kulturpolitik gehalten, die in der intellektuellen Bedürfnislosigkeit Ihres Vorgängers im Amte ihren personellen Ausdruck fand. Mit Ihrer Amtsübernahme, Herr Koschig, keimten neue Hoffnungen auf.
Zu Unrecht, wie ich jetzt feststellen konnte. Was Sie – Herr Oberbürgermeister – an Kulturlosigkeit und mangelndem Wertebewusstsein durch den Eintrag eines Dieter-Bohlen-Groupies in das Goldene Buch der Stadt Dessau zum Ausdruck gebracht haben, ist eine Schande für diese Stadt und höchster Missbrauch Ihres Amtes.
Jeder Schauspieler, Sänger, Tänzer oder Musiker, der es durch Studium, Qualifikation und Vorsprechen bis auf die Dessauer Bühne gebracht hat, hat schon mit dieser Leistung mehr in die Waagschale zu werfen, als ein geltungssüchtiger Teenager, der mit Boxhandschuhen und anderen zweifelhaften Karrierebeförderungsmitteln um Aufmerksamkeit bettelt.
Dass Sie, Herr Oberbürgermeister, mit Ihrer Freizeit nichts Besseres anzufangen wissen, als sich diesen DSDS-Schwachsinn auch noch anzusehen, ist ihre persönliche Sache. Wenn Sie jedoch im Namen dieser Stadt sprechen, fordere ich Sie hiermit ausdrücklich auf, nicht zu verkünden, dass auch die ganze Stadt hinter diesem SCHWACHSINN steht.
Mit freundlichen Grüßen
Hartmut Runge
XXII – IV – MMIX
Hartmut Runge Jahrgang 1953 Maschinenbauer Fotofachverkäufer Hilfsarbeiter Hausmeister Regieassistent Theaterdramaturg Buchautor Kritiker Geschäftsführer