hr – blog: Meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Gott und der Welt

Peter Zadek
oder
Nach dem Untergang ist vor dem Untergang

Es scheint in der Tat auch für einen versierten deutschen Theatermacher nicht ganz einfach zu sein, mit der Vieldeutigkeit der deutschen Sprache wirklich sinnvoll umzugehen. 
 
So verkündet Peter Zadek in der Dezember-Ausgabe des Magazins “Cicero”, dass er Bernd Eichingers UNTERGANG für einen „Widerlichen Streifen“ und die Reaktionen des deutschen Publikums für „opportunistisch“ und „verlogen“ hält. 
 
Man mag hinsichtlich der Qualität dieses Filmes unterschiedlicher Meinung sein, doch wer dem Streifen unterstellt, er wolle mit dem Aufzeigen „menschlicher Fehler“ die Verbrechen des Dritten Reiches verharmlosen, der offenbart damit nur, dass er nicht in der Lage ist, sich aus seiner – im Falle Zadeks verständlichen – Befangenheit zu befreien. 
 
Natürlich ist nicht auszuschließen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil des deutschen Publikums in einer derart abgebildeten Wirklichkeit eine Rehabilitation der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg sieht oder sehen will. 
 
„Waren eben alles nur Menschen“ wird Karl der Kleine am Biertisch verkünden. Und Karl der Kleine wird damit zum Ausdruck bringen, dass er seit den Tagen seiner frühkindlichen Prägung nichts mehr hinzugelernt hat. Er lebt seither in der Seeligkeit seiner Vorurteile und ist damit nicht viel anders dran als unser guter Peter Zadek. 
Der Unterschied ist nur, dass Zadek auf einer anderen Stufe seines Denkens stehen geblieben ist. 
 
Der UNTERGANG zeigt nicht die menschlichen Züge des faschistischen Systems, wenn damit der ethische Begriff der Menschlichkeit gemeint ist, sondern er zeigt die menschliche Seite dieses Systems als Normalität menschlicher Verhaltensweisen. Zu dieser Normalität gehört der tägliche Opportunismus wie die Luft zum atmen. 
 
Wenn Peter Zadek wirklich glaubt, dass irgendetwas am gewöhnlichen Faschismus jenen Grad von Besonderheit hätte, das ihn aus seiner Sicht für ganz besondere Darstellungsweisen prädestiniert, so irrt sich der große Theatermann. 
Freilich waren die Taten des Dritten Reiches „Taten der untersten Stufe des menschlichen Wesens“, aber es waren immer noch Taten von Menschen. Und diese Taten waren repräsentativ für die täglichen Verhaltensweisen von Menschen. 
 
Auch die „unterste Stufe des menschlichen Wesens“ – Herr Zadek – ist ein Teil des menschlichen Wesens. Sie manifestiert sich im täglichen Wegschauen, in bequemer Autoritätsgläubigkeit (der große Zadek wird schon recht haben), in Karrieredenken und Arschkriecherei und in der schlimmsten Krankheit, die den Menschen befallen kann – in der Denkfaulheit. 
 
Herr Zadek – zwischen einem General, der es nicht wagte, Hitler zu widersprechen und einem Tagesthemenmoderator, der kleinlaut Entschuldigungen stammelt, weil er sich mit seiner Wahrheit ein wenig zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, besteht menschlich nur der Unterschied, dass sich ersterer vielleicht noch auf seinen Befehlsnotstand berufen kann. 
Natürlich sind die Verbrechen George W. Bushs nicht mit denen Hitlers zu vergleichen, aber Wickert war ja auch nicht mit dem Tode bedroht. 
 
Demokratisch legitimiert war Hitler übrigens auch. Und es steht zu vermuten, dass der “Große Diktator” zur Manipulation von Karl dem Kleinen weit weniger Wahlkampfmittel verbrauchte als George W. Bush. 
 
Der UNTERGANG zeigt die Normalität des Faschismus. Und ob es uns gefällt oder nicht, er zeigt auch, dass sich das jederzeit wiederholen kann, solange unsere individuelle oder gesellschaftliche Norm in der Philosophie gipfelt: Der Zweck heiligt die Mittel. 
 
Diese Philosophie hat in dieser “unserer” Gesellschaft mehr Anhänger, als jedem denkenden Menschen lieb sein dürfte. Ihre Zahl wächst täglich. Kinder lernen nichts anderes mehr, denn Lernen findet zum größten Teil außerhalb der Schule statt. Dort regiert der Markt und die “geheiligten Mittel” sind sein Gesetz. 
 
Der Zweck der Unterstützung Adolf Hitlers lag übrigens für die meisten seiner Zeitgenossen in der sogenannten Notwendigkeit, das “Reich des Bösen” im Osten zu bekämpfen. Dass auch damals damit ein paar andere Zwecke ideologisch verbrämt wurden, sei hier nur nebenbei bemerkt. 
 
Der Horror des Films DER UNTERGANG besteht in der Normalität des gezeigten und in seiner Wiederholbarkeit. 
 
 
Kleine Nachbemerkung für alle Freunde des Neo-Liberalismus 
 
Der tägliche Opportunismus ist eine natürliche Anpassungsfunktion des Menschen im darwinschen Daseinskampf. 
 
Er findet unter anderem auch unter folgender Prämisse statt: 
 
Der darwinsche Daseinskampf schließt die Selbstvernichtung einer Art nicht aus, denn das freie Spiel der Kräfte ist letztendlich die Daseinsweise des Chaos. 
Im Chaos entstehen Welten und im Chaos werden Welten zerstört. Ob eine Welt Gut oder Böse ist, das ist dem Chaos egal.

XXIV – XI – MMIV

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