hr – blog: Meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Gott und der Welt

Malerweg – Etappe 4 (30.08.2013)

Altendorf, das Ziel der dritten Etappe war erreicht, da war das Geld alle. Nirgendwo auf der Strecke gab es einen Geldautomaten. Nicht, dass ich ein solches Gerät auf einem Berg oder im Wald erwartet hätte, doch da, wo ich mich anfangs mit Geld versorgen wollte – in Wehlen – waren alle Geldautomaten mit der Elbeflut abgesoffen. Für die obligatorische Apfelschorle in jeder am Wege liegenden Restauration hatte es bis Altendorf gereicht. Doch, um an eine der Türen mit den freien Ferienzimmern zu klopfen, hätte ich wohl wenigstens ein paar Euro mehr auf den Tisch legen müssen. So blieb mir denn nichts anderes übrig, als die letzten Kröten für ein Busticket zu opfern um die 3 km nach Bad Schandau zu fahren. Wer weiß, ob ich überhaupt auf die Idee gekommen wäre, doch mein teilweiser Wegbegleiter aus dem Schwarzwald machte es so und ich folgte ihm.

In Bad Schandau lernte ich die Sachsen von ihren schlechtesten – aber auch von guten Seiten kennen. Weil ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wo ich im Ort einen Geldautomaten auftreiben würde und darüber hinaus auch wenig Lust hatte mit meinen 13 kg Gepäck auf dem Rücken durch das sich sehr lang an der Elbe hinziehende Städtchen zu wandern, fuhr ich mit dem Bus bis zum Bahnhof der Stadt. Der naheliegende Gedanke, dass sich am Bahnhof einer Stadt ganz sicher auch ein Geldautomat finden lassen würde, landete dank der Realität in der Schublade für Wunschgedanken. So nahm ich denn allen Mut zusammen und wandte mich – ohne Geld in der Tasche – an einen Taxifahrer. Ich machte ihm klar, dass ich kein Geld mehr habe, einen Geldautomaten suche und ein Zimmer für die Nacht. Ich hatte einen guten Sachsen erwischt. Der Mann klemmte sich hinter sein Steuer, griff zum Telefon und bemühte sich bei ein paar Pensionen um ein Zimmer für mich. Dass all seine Versuche ins Leere liefen, ist dann wieder den schlechten Sachsen zuzurechnen. Angeblich hatte keine der angerufenen Pensionen ein Zimmer frei. Der Taxifahrer erklärte mir jedoch rundheraus: „Für eine Nacht, machen die sich nicht die Mühe“. Er fuhr mich zu einem Geldautomaten, der Preis für die Fahrt war unerwartet normal und mit zwei drei Tipps für naheliegende Hotels verabschiedeten wir uns.

Das naheliegendste und dem Geldautomaten gleich gegenüber liegende Hotel war im Entré wie leergefegt. Die Dame an der Rezeption musterte kurz den verstaubten Wanderer und fand – wie eigentlich zu erwarten – kein freies Zimmer „für eine Nacht“.
Auch Bad Schandau war von der Flut in Mitleidenschaft gezogen und einige kleinere Hotels waren noch nicht wieder instandgesetzt. So versuchte ich mein Glück auf ein paar höher gelegenen Straßen und fand das Hotel „Zum Bären“.
Eine bärenmäßig finstere Gaststube und ein noch finsterer Wirt. Ob die Auskunft, dass ich nur noch ein Doppelzimmer für 60 Euro haben könnte auch gelogen war weiß ich nicht, doch meine Frage danach, ob ich mit meiner Kreditkarte bezahlen könnte, wurde rundheraus verneint. Dabei konnte ich das angeschlossen leuchtende Kartenlesegerät hinter dem Tresen liegen sehen. Nach der Erfahrunge mit den Geldautomaten wollte ich einfach meine Barmittel etwas schonen, doch hier war das nicht möglich.
Dass ich am kommenden Morgen nach dem Frühstück das Hotel erst verlassen konnte, nachdem mir die Frühstücks-Aufsicht die Tür aufschloss rundete das Bild dieses Schuppens ab. Die schließen – aus Angst es könnte ihnen einer die Zeche prellen – allen ernstes morgens die Haupttür des Hotels ab. Dümmer, unverschämter und kleinkrämerischer hatte ich es noch nicht erlebt.

Mit dem Bus wieder zurück nach Altendorf, denn die Wanderung sollte ja genau da fortgesetzt werden, wo ich aus Geldmangel unterbrechen musste. Im Bus traf ich den Lehrer wieder. Wir wanderten zusammen ein Stück und als die ersten Steigungen begannen, verabschiedeten wir uns. Er war – um einiges jünger und ohne belastendes Gepäck – einfach ein wenig schneller zu Fuß.

Dass ich diese Tagestour nicht ganz schaffen würde, war mir schon am Morgen klar. 17 km und dabei mehrere Aufstiege – der höchste auf über 400m – das war nach meinen bisherigen Erfahrungen kaum zu schaffen. Dazu machte ich einen Fehler, der mich schon einmal in Griechenland sehr in die Bedoulie gebracht hatte. Beim Aufstieg zur Schrammsteinaussicht brauchte ich meinen gesamten Getränkevorrat auf. Dem Malerweg folgend hätte es diesen Abstecher auf die eigentliche Aussicht nicht mehr gebraucht, doch mein Schwarzwaldlehrer, den ich hier ein letztes Mal traf, riet mir dringen, diese Aussicht nicht auszulassen. Sie kostete mich eine zusätzliche dreiviertel Stunde – wurde aber mit einer der sehenswertesten Landschaftsaussichten, die hier im Elbsandsteingebirge zu haben sind belohnt.

Der Abstieg wurde zur Tortour. Alle Hoffnungen auf irgendeine Raststätte mit auch nur einem Wasserhahn erwiesen sich als eine Art Fata morgana. Offensichtlich gibt es diese Erscheinungen nicht nur in der Wüste, denn eines hatte ich während meiner Wanderungen schon oft beobachtet, je nach Gefühlslage – ob positiv oder negativ, also ob Wunsch oder Befürchtung – man glaubt manchmal Dinge zu sehen, die sich beim Herrannahen dann einfach als ein herabhängender Ast oder eine helle Steinfläche erweisen.

Kurz und gut, die heutige Etappe schloss nach 8 Stunden Wanderung (mit ca. 1h Pause) in einem einladenden Hotel am Lichtenhainer Wasserfall.

Malerweg – Etappe 3 (29.08.2013)

Vielleicht ist das die Crux beim Pilgern – Wandern ist über lange Strecken wie das ständige herbeten eines Mantras. Man ist tatsächlich ganz in sich selbst versenkt und nur ganz selten schleichen sich Gedanken aus anderen Lebensbereichen in die recht einseitig belasteten Hirnwindungen.

Die dritte Etappe dieses Weges stand für mich unter einem besonderen Stern. Die Umstände meines Abbruchs vor drei Jahren waren mir noch allzu gut in Erinnerung. Für den letzten größeren Aufstieg – eine Strecke von 170 Höhenmetern – hatte ich damals beinahe eineinhalb Stunden gebraucht. Auch diesmal war es nicht gerade ein Katzensprung, aber nach 20 Minuten war das Hindernis überwunden.

Das Auf und Ab von Bergwanderungen ist irgendwie ein Spiegelbild des Lebens. Aufstiege sind anstrengend und kosten viel Kraft. Aber sie sind nichts gegen die Abstiege. Nicht, dass man da nicht auch ein Ziel vor sich hätte, aber zu den Schmerzen des Abstiegs kommt die sich unwillkürlich ins Bewußtsein drängende Tatsache, dass jeder Meter, den es abwärts geht, wieder neu erklommen werden will.

Dieses Mal hatte ich für einen kurzen Teil der Wanderung einen Weggesellen. Ein Lehrer aus dem Schwarzwald, den ich genau an dem Punkt traf, an dem mich vor drei Jahren mein Mut und meine Kräfte verließen, brachte etwas Abwechslung in meine Selbstbeschäftigung. Der junge Mann befand sich auf einer Rundreise durch Deutschland und zwei, drei Etappen des Malerwegs standen auch auf seinem Programm. Dass er die Sächsische Schweiz rundheraus zum Schönsten erklärte, dass er je gesehen hätte, bestätigte die Gedanken, die mich schon während meines ersten Malerweg-Versuches bewegt hatten. Bisher waren die Meteora-Klöster in Griechenland das Beeindruckendste Landschaftserlebnis für mich gewesen. Die Felsenformationen der Sächsischen Schweiz prägen sich jedoch nicht minder tief ins Gedächtnis. Wenn man denn noch die Kraft hat, sie noch zu sehen. 

Malerweg – Etappe 2 (28.08.2013)

Der Aufenthalt im Bastei-Hotel war teuer aber sehr entspannend. Was ich am Tag zuvor zwangsweise über das Tagespensum hinaus laufen musste, machte sich heute bezahlt. Es verkürzte nicht nur die Strecke, sondern machte auch möglich, so richtig auszuschlafen.

Den Weg kannte ich ja schon und tatsächlich erkannte ich auch alles wieder. Nur die Abstände zu den einzelnen Pausenpunkten erschienen mir diesmal kürzer. Offensichtlich war ich auch etwas zügiger unterwegs, denn schon nach 4 Stunden hatte ich das Polenztal erreicht. Die Pension war mir noch vom letzten Versuch bekannt und ich freute mich auf eine lange Phase der Entspannung.
Die war allerdings auch dringend angesagt, denn der letzte Abstieg ging dann schon ganz schön in die Beine.

Gespannt bin ich nun auf die dritte Etappe. Mit ihr endete vor drei Jahren meine erste Malerweg-Wanderung. Dann beginnt unbekanntes Terrain. Auf gehts.

Malerweg – Etappe 1 (27.08.2013)

Zuerst meinte ich, meine Wanderung stünde unter einem schlechten Stern, denn schon die Anreise war eine Odyssey. Einmal mehr erwies sich, dass Navigationssysteme in Handys immer einen Kompromiss bedeuten. Zumindest dann, wenn – wie hier bei Dresden – die Nachwirkungen der großen Elbeflut für jede Menge Straßensperrungen sorgten. Man kam sich vor, wie in einem schlechten Sciensfiction-Film. Mein Zielgebiet schien zur toten Zone erklärt. Von wo aus wir uns auch diesem Anfang des Malerweg zu nähern suchten, immer war irgendwo eine Straße gesperrt, die vom Navigationsprogramm angezeigt wurde.

Nach mehr als einer Stunde über der geplanten Zeit, hatten wir den Liebethaler Grund und damit den Ausgangspunkt des Malerwegs erreicht. Es war allerdings schon Mittag, denn nachdem ich bei meinem Freund Andreas am Abend zuvor bis in die Nacht hinein einem Mixgetränk aus Wermut, Tonic, Wasser und Himbeeren etwas heftiger als gewohnt zugesprochen hatte, meldete sich mein Kopf am Morgen als hätte er einige schwerere Druckstellen. Und da Andreas ein sehr ordentlicher Mensch ist, verzögerte sich der Start nach Dresden noch um die Zeit, die er sich der Reinigung des von uns gebrauchten Hausrats widmete.

12.00 mittags. Abschied. Und die Wanderung beginnt. Zunächst ohne jede Entdeckerfreude, denn da ich vor drei Jahren schon einmal den Malerweg in Angriff genommen hatte, traf ich zuerst nur auf Bekanntes. Das Wiedersehen mit dem Richard-Wagner-Denkmal, die Wanderung durch den Liebethaler-Grund – es war, wie wenn man gute Freunde wieder trifft. Und dann die erste Entdeckung. Irgendwie war ich bei meinem ersten Versuch vor drei Jahren vom Weg abgekommen, denn das Felsentor, das mir auf meinem Weg verheißen war, hatte ich damals nicht passiert. Irgendwie lief es jedoch diesmal richtig, denn mein Weg führte mich zu diesem merkwürdigen Steingebilde, das offensichtlich dadurch entstanden war, dass irgendwann in grauer Vorzeit ein paar Felsen aus der Höhe in die Schlucht gestürzt waren und genau so fielen, dass sie ein Tor bildeten. Tor ist allerdings ein klein wenig übertrieben. Nähert sich diesem Steingebilde ein etwas größerer Mensch, dann bekommt er möglicherweise leichte Beklemmungen, denn der kaum zwei Meter breite Felsendurchgang misst vielleicht 170cm.

Ich gestehe, dass es für mich ohnehin immer ein mulmiges Gefühl ist, in solcher Felsenlandschaft zu wandern. Wenn ich sehe, wie diese riesigen Sandsteingebilde so mehr oder weniger locker aufeinander liegen, dann beschleicht mich immer wieder der Gedanke, sie könnten sich unversehens lösen und hinabstürzen. Da hilft mir auch nicht zu wissen, dass diese Steine schon seit tausenden Jahren so liegen. Wer sagt denn, dass nicht heute gerade der Tag ist an dem irgendwelche wirkenden Quantitäten in Form von Wasser, Wind, Sand und Geröll eben jenen Punkt erreicht haben, der zu einer qualitativen Gewichtsverlagerung und damit zum Absturz so eines Sandsteinfelsens führen kann.

Nun, als ich die erste Etappe in Wehlen beenden wollte, waren alle Felsen offensichtlich an ihrem Ort geblieben. Allerdings wartete in Wehlen noch eine tatsächliche Katastrophe auf mich. Von den Hotels und Pensionen, die das Elbehochwasser dieses Frühsommes überlebt hatten, hatte keines mehr einen Platz frei. Ich absolvierte einige Zusatzkilometer am Ufer der Elbe, doch all die Ferienwohnungen, Pensionen und Hotelanlagen waren – wenn nicht aufgegeben – so doch immer noch in einer frühen Phase der Wiederherstellung. Durch Wehlen zu wandern und zu sehen, dass alles dort bis zu einer Höhe von ca. 2-3m unter Wasser gestanden hat, ist auch ein besonderes Gefühl.

Was allerdings die Gefühle anlangt, vergisst man schnell alle Katastrophenromantik, wenn man ausgelaucht und einigermaßen erholungsbedürftig absolut keine Chance hat, seine malträtierten Knochen irgendwo zur Erholung in die Horizontale zu bringen. Jetzt rächte sich auch, dass ich bei meiner Ausrüstung auf ein kleines Zelt verzichtet hatte. Da die Wetterlage nicht ganz so Vertrauen erweckend war, verzichtete ich auf einer Nächtigung im Freien und stieg wohl oder übel noch ein paar hundert Meter bis zum Basteihotel auf.
Hier habe ich dann eine teure, aber gute Nacht verbracht.

Steinbrück – Ein Sommernachtsmärchen

Denk ich an Steinbrück in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Der Peer der sagt so tolle Sachen,
Da biegt man sich nur noch vor Lachen.

Für sein Geschwätz in nur drei Jahren
Erhielt der Mann an Honoraren,
Wozu der Durchschnitt braucht ein Leben,
Herr Steinbrück meint, so ist das eben.

Der Diktaturen Transparenz,
Behauptet er mit Vehemenz,
In der Hölle klingeln dem Goebbels die Ohren,
Denn ein Talent ward da geboren.

Finanzmärkte will Peer besteuern,
Mit der Kavallerie die Schweiz erneuern.
Doch dann hört man ihn leise schellen,
Wir dürfen die Reichen nicht verprellen.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch den Herren Verfasser,
Ich weiß, er trinkt öffentlich teuren Wein,
Für das Volk predigt er heimlich Wasser.

(Hiermit bitte ich ausdrücklich Herrn Heinrich Heine um Entschuldigung)

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